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Tür auf, Paris rein! La Mercerie.

Das Ecklokal „Die Mercerie“ am Eingang des Servitenviertels stillt viele Sehnsüchte des frankophilen Menschen: optisch, akustisch und kulinarisch.

„Mercerie“ bedeutet Zugehör, also Garne, Knöpfe, Nähutensilien, Kurzwaren und dergleichen. Tatsächlich ist man uneins, was das Lokal vor dem Lokal einmal gewesen ist. Die Erinnerungen reichen von Taschengeschäft bis Drogerie. Dass die alte Einrichtung übernommen und respektvoll adaptiert wurde, ist aber aus Sicht aller ein Segen. Jetzt fehlen hier im Grunde nur ein paar alte Männer, die beim Pastis herumsitzen, und jede Menge Rauchschwaden, damit man sich ganz und gar in Frankreich wähnt. Tatsächlich kamen in den ersten Tagen nach der Eröffnung Anfang November vorwiegend junge Paare und nicht mehr ganz junge Bildungsbürger, um hier ihren Café au lait (nicht) zu schlürfen und geraucht wird natürlich gar nicht.

 

la mercerie - kekinwien.at

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La Mercerie est très jolie.

Die Bodenfliesen im ach-so-zeitgeistigen Retrodesign sind vielleicht wirklich alt, die dunklen Apothekerschränke auf alle Fälle. Die Porzellanschildchen auf den Schubladen tragen Aufschriften wie „Medizinische Seifen“ und um die Tische in den intimen Fensternischen wird sicher gerangelt werden. Zusammen mit der zentralen Tafel ist insgesamt für etwa dreißig Mensch Platz in der Mercerie. Damit die Anmutung vom Interieur nicht Richtung dekorativer Kitsch abrutscht, braucht man nur den Blick zur Decke zu heben, wo die Beleuchtung mehr witzige Installation ist als erhellend. Der Gesamteindruck ist und bleibt umwerfend französisch. Der Charme strahlt nach direkt nach außen. Niemandem, der auch nur ein Mal vorbeigefahren ist, entging, dass hier bezaubernder Chic eingezogen ist ins alte Ecklokal. Passt perfekt an den Eingang zum Servitenviertel.

La Mercerie: sehr guter, starker Kaffee! - kekinwien.at

La Mercerie: sehr guter, starker Kaffee! – kekinwien.at

 

Viva La France!

Die Speisekarte ist klein und lässt einen beim Übersetzen an die Grenzen der damals schon nicht tollen Französischkenntnisse aus der Schulzeit stoßen. Der Chef ist aber mit Rat und Hilfe zu Stelle. Doch ein, zwei erklärende gedruckte Worte auf Deutsch könnten besonders bei vollem Haus wohl nicht schaden. Pia und ich hatten bei unserem Besuch Pech mit dem Service, denn unsere Kellnerin konnte weder Französisch noch Kellnern. Sie entschuldigte sich freundlich mit der Tatsache, es sei ihr erster Tag. Kein Kommentar.

Das kulinarische Konzept ist quasi Bäckerei mit Kleinigkeiten zu essen. Das Baguette ist natürlich hausgemacht so wie alles angebotene Weißbrot. Die dunklen Brote kommen vom Joseph. Der Anblick der hinter der Theke des Familienbetriebes präsentierten Produkte ist betörend. Was ein gutes französisches Stangenweißbrot können muss, ist ja eine ähnlich emotionsgeladen diskutierte Frage, wie, ob in die Sachertorte ein Marmeladestreifen gehört, oder ob man Kinder impfen lassen soll. Wir haben das hier schon ausführlich besprochen. Pia fand das Baguette nicht authentisch französisch und ich eine Idee zu rustikal. Aber wir jammern hier auf sehr hohem Niveau – und ließen uns von einem Franzosen wohl auch nicht vorschreiben wie man das Wiener Schnitzel zubereitet. Also: Es ist sehr gut, das Baguette.

 

Salade Collioure um Euro 8,90

Salade Collioure um Euro 8,90

 

Genießen wie Gott in Frankreich?

Unbescheiden wie ich bin, hätte ich gern ein Speisenangebot, das über den edlen Nahversorger mit Snacks vor Ort oder das Beisl mit Edel-Greißlerei hinausgeht. Mein Herz schreit „Bistro bitte!“, aber die angebotenen Brote mit Schinken vom Thum oder Ziegenkäse samt ein paar klassischen Salaten sind schon sehr in Ordnung. Das überschaubare Getränkeangebot ist authentisch und macht Spaß.

Croque Monsieur - kekinwien.at

Croque Monsieur – kekinwien.at

 

Les Planchettes gibt es um Euro 8,90 und 9,20. Die kleine Käseplatte kostet Euro 8,50, die große Euro 12,90. Man serviert Frühstück mit Croissant, Butter, Espresso, Baguette und Marmelade um Euro 4,40 und – sehr schön – diverse Eier inklusive Benedicte. Neben einem kleinen grünen gibt es vier Salat mit klingenden Namen (Euro 8,90 bis 9,30): Salade Savoyarde mit Räucherspeck, Beaufort, Brotwürfel, Zwiebel und Knoblauch oder, eh klar, Salade Niçoise bis hin zum Salade Clollioure. Alles frisch, gut, angenehm. Wer es gern deftig mag, bestellt den Croque Monsieur (ausgiebig für Euro 7,90).

Fazit: Die Mercerie bereichert den 9. Bezirk mit eine gehörigen Portion Charme, ist viel französischer als das Café Français, wenngleich das kulinarisches Angebot kleiner ist als das im Beaulieu. Wer Frankreich vermisst, geht untertags hierher und abends essen ins Léontine und nachher auf einen Absacker oder zwei ins Le Troquet. Amusez vous bien!

Der zentrale Tisch in der Mercerie - kekinwien.at

Der zentrale Tisch in der Mercerie – kekinwien.at

 

La Mercerie

Berggasse 25, 1090 Wien
Öffnungszeiten: Mo bis Sa 8.30 – 19.00 Uhr
Es gibt keinen Internetauftritt und keinen Telefonanschluss – und es ist auch nichts in diese Richtung geplant.

 

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Dein Kommentar

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9 comments

  1. P.

    La Mercercie hört sich super an, könnt ihr mir verraten, wie man einen Tisch reservieren kann?
    Vielen Dank

  2. LS

    Wie bitte? Ein Lokal ohne Möglichkeit einen Tisch zu reservieren? „… keinen Internetauftritt und keinen Telefonanschluss – und es ist auch nichts in diese Richtung geplant …“ Man kann das Retro-Feeling auch übertreiben.
    Na, zum Glück gibt’s ja auch das Beaulieu.

  3. club

    Es ist keinen Internet Auftritt geplant und es wird auch keinen Telefonanschluss geben.
    Wir haben nochmals nachgefragt.
    Wer will, kann das auch als Beitrag zur Entschleunigung sehen.
    In die Welt der Mercerie einzutauchen, zahlt sich aus unsere Sicht auch ohne Reservierung aus.

  4. F.

    Manche Dinge gut, Eierspeise gehört nicht dazu. Fand ich 2mal zu trocken.
    Kleines Wasser 3,20 auch etwas viel meiner Meinung nach. Trotzdem ein sehr schönes, gemütliches Lokal, Croissants und pain au choclat großartig!

  5. Justus

    Leider ist das Baguette wie gerne behauptet wird nicht wirklich selbst gebacken sondern aufgebacken und kommt tiefgefroren hoffentlich aus Frankreich. Schmeckt trotzdem gut.

    • nymano

      und woher kommt diese Information? ich fand es auch gut, würde aber schon gerne wissen woher das Baguette stammt… Ich habe nachgefragt und mir wurde gesagt es wird selbst unten gebacken!?

      • club

        Wir waren ja relativ kurz nach der Eröffnung im November 2016 zum ersten Mal in der Mercerie. Wir haben damals mit den Inhabern gesprochen. Und wir glauben Menschen, was sie sagen, also: hausgemacht.
        Wer Zweifel hat, kann sich ja in die Backstube führen lassen?
        Keke Grüße aus der Redaktion.