Ulrike Rosenbach Art is a criminal action No 4, 1969 SW-Fotografie auf Barytpapier bw photography on barit paper © Ulrike Rosenbach Bildrecht, Wien, 2016 SAMMLUNG VERBUND, Wien

Das mumok Wien betitelt seine aktuelle Ausstellung WOMAN.

Gezeigt wird in WOMAN nichts weniger als ‚Die Feministische Avantgarde der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund‘.
Sehr aufregend!

Einige der Arbeiten kennen Fans der Sammlung Verbund bereits aus Einzelausstellungen ebenda. Dass aber jetzt mit dem mumok im passenden Museum dieser Periode und Künstlerinnengruppe eine große Ausstellung gewidmet wird, ist schon sehr schön.

Die Pressekonferenz wirkte wie ein Klassentreffen: Viele der ausgestellten Künstlerinnen waren anwesend. Man erkannte sie, auch wenn man sie nicht kennt, in dem Haufen an JournalistInnen leicht. Ikonen altern anders. Sie strahlen Kreativität aus und Kraft.
Und man merkte ihnen die Freude an, die auch ihnen diese Ausstellung macht.

 

WOMAN, Birgit Jürgenssen, Hausfrauen - Küchenschürze, Bild (c) Claudia Busser - kekinwien.at

WOMAN, Birgit Jürgenssen, Hausfrauen – Küchenschürze, Bild (c) Claudia Busser – kekinwien.at

 

Der Aufbruch der Frauen …

Dass das mumok die Sammlung zu Feministische Avantgarde der Sammlung Verbund ausstellt, ist also ebenso erfreulich wie logisch. Einer der Schwerpunkte des Museums ist die gesellschaftsbezogene Kunst der 1960er Jahre. Der dazu gehörige Wiener Aktionismus ist rein männlich. Da ist die weibliche Sicht der Dinge, eine Schau zur „feministische Avantgarde“ – ein Begriff, den übrigens Gabriele Schor, die Direktorin der Sammlung Verbund in die Kunstgeschichte eingeführt hat – eigentlich schon längst überfällig.

Was ist der Anspruch diese Ausstellung?

„Wir wollen die Kunstgeschichte neu schreiben. Wir wollen Künstlerinnen sichtbar machen, die nicht oder zu wenig wahrgenommen wurden.“ sagt Schor beim Pressetermin. Dazu wurden aus den 600 Exponaten der Sammlung Verbund 300 ausgewählt, Künstlerinnen besucht, Werken auf Dachböden nachgeforscht. Interessanterweise ist der Hauptteil der Werke aus den 1960er Jahren nämlich bei den Künstlerinnen zuhause. Aber einige Schätze konnten gehoben werden und erfahren nur ihre Weltpremiere.

Dass heute Werke von Birgit Jürgenssen und Renate Bertlmann in den Sammlungen vom MoMA, der Tate Modern oder des Centre Pompidou zu finden sind, ist übrigens auch in gewisser Weise der Direktorin der Sammlung Verbund zu danken. Und glücklich ist, wer so wie sie die Bedeutung dieser Werke erkannt und sie rechtzeitig gesammelt hat!

 

Ironing Dream, Karin Mack, 1975, WOMAN, Bild (c) Claudia Busser - kekinwien.at

Ironing Dream, Karin Mack, 1975, WOMAN, Bild (c) Claudia Busser – kekinwien.at

 

WOMAN ist keine „Frauenausstellung“!

Vielmehr handelt es sich um eine Ausstellung zum Thema Feministische Avantgarde, nur damit wir einander richtig verstehen. Sie ist in vier Bereich gegliedert, wobei die Ausstellungsarchitektur zwar gut, aber nicht zwingend logisch ist. Man mäandert leicht zwischen den Stellwänden hindurch und verliert den Fokus auf das jeweilige Thema, aber das kommt auch von der Qualität der Arbeiten, die einen von der einen zur anderen ver-führen.

 

WOMAN, Blick von oben in die Ausstellung im mumok, Bild (c) Claudia Busser - kekinwien.at

WOMAN, Blick von oben in die Ausstellung im mumok, Bild (c) Claudia Busser – kekinwien.at

 

Die vier Bereiche auf Ebene 4 des mumok sind:

  • Reduktion auf Mutter, Hausfrau und Ehefrau

    Das Private wird politisch. Frauen treten aus den ihnen von der Gesellschaft zugedachten Rollenbildern heraus.
    Heute, in einer Art biedermeierlichen Schockstarre der Gesellschaft, heute, da Menschen Angst zu ihrem obersten Ratgeber werden ließen, und gleichzeitig viel ihrer Eigenverantwortung kampflos an den Staat abgegeben haben, wäre diese Haltung von damals wohltuend.

  • Alter Ego: Maskerade, Parodie und Rollenspiele

    Auch hier geht es um einen Befreiungsschlag, um ein Aufbrechen der gesellschaftlichen Zwänge, weg von der Eindimensionalität der Frauenrolle damals. Auch im künstlerischen Ausdruck zeigt sich die Rebellion: Die Malerei, die traditionell männlich dominiert war, erschien als Medium ungeeignet. Die Fotografie schwang sich auf.

  • Weibliche Sexualität versus Verdinglichung

    Dieser Teil der Ausstellung befinde sich gesondert in Ebene 3!
    Die Frauen haben den männlichen Blick auf sie abgeschüttelt. Sie zeigen sich selbst, sie bremsen den Voyeurismus aus, indem sie sich zum Subjekt machen.

  • Normativität der Schönheit

    Das Diktat der Schönheit. Erschreckend, hier hat sich nicht viel getan in den vergangenen Jahrzehnten! Im Gegenteil, Frauen tragen noch ihren Teil dazu bei, auf ihr Äußeres reduziert zu werden wie es scheint.

Textteil aus 'A Portfolio of Models', Martha Wilson, 1974 u 2009, Foto (c) Claudia Busser - kekinwien.at

Textteil aus ‚A Portfolio of Models‘, Martha Wilson, 1974 u 2009, Foto (c) Claudia Busser – kekinwien.at

The Goddess, Detail aus 'A Portfolio of Models', Martha Wilson, 1974 und 2009, Foto (c) Claudia Busser - kekinwien.at

The Goddess, Detail aus ‚A Portfolio of Models‘, Martha Wilson, 1974 und 2009, Foto (c) Claudia Busser – kekinwien.at

'A Portfolio of Models', Martha Wilson, 1974 und 2009, Foto (c) Claudia Busser - kekinwien.at

‚A Portfolio of Models‘, Martha Wilson, 1974 und 2009, Foto (c) Claudia Busser – kekinwien.at

Text aus 'A Portfolio of Models', Martha Wilson, 1974 u 2009, Foto (c) Claudia Busser - kekinwien.at

Text aus ‚A Portfolio of Models‘, Martha Wilson, 1974 u 2009, Foto (c) Claudia Busser – kekinwien.at

 

Die Schau ist beeindruckend. Man darf sich Zeit nehmen. Dann bemerkt man zum Beispiel auch, das offenbar überall auf der Welt weibliche Kunstschaffende ähnliche, neue Ausdrucksfomen für das Abstreifen alter Fesseln gefunden haben. Wer kann, lernt die Künstlerinnen persönlich bei einer der Begleitveranstaltungen kennen.

„Schau, wir hängen bei einander! Wie damals!“

Sie bleiben stehen, in Grüppchen, der Ausstellungsraum ist erfüllt von ihrem Stimmengewirr. Die Schaffenden suchen ihre eigenen Werke auf, verweilen davor, tauschen sich mit Kolleginnen aus. Man hört Lachen.

Fazit: Diese Ausstellung ist notwendig und macht große Freude. Aber das Herz wird einem schwer beim Nachdenken darüber, wie weit wir es gebracht haben seit damals bzw. wie wenig weit …

 

Detail aus 'Le Lait Chaud', Gina Pane, 1972, Bild (c) Claudia Busser - kekinwien.at.

Detail aus ‚Le Lait Chaud‘, Gina Pane, 1972, Bild (c) Claudia Busser – kekinwien.at.

 ... vor 'Le Lait Chaud', Gina Pane, 1972, Bild (c) Claudia Busser - kekinwien.at.

… vor ‚Le Lait Chaud‘, Gina Pane, 1972, Bild (c) Claudia Busser – kekinwien.at.

 

 

WOMAN
Die Feministische Avantgarde der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund

mumok
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Tel.: +43 1 525 000
E – mail: info@mumok.at
web: www.mumok.at

Öffnungszeiten: Mo 14.00 – 19.00 Uhr, Di bis So 10.00 – 19.00 Uhr und Do 10.00 – 21.00 Uhr
Normalpreis Eintritt: Euro 11,00
Die Ausstellung läuft seit 6. Mai und noch bis zum 9.September 2017.

Eine dringende Empfehlung gilt für den umfangreichen Katalog, der durchaus als Standardwerk dieser künstlerischen Bewegung gelten darf. Er wird derzeit im Museumsshop vergünstigt angeboten-

Keker Tipp!
Im Rahmen von WOMAN hat der geneigte Besucher die Gelegenheit die Künstlerinnen persönlich zu erleben. Auch die Führung seien hiermit herzlichst empfohlen!

Führungen:
Termine: 28. Mai, 4. Juni, 20. und 27. August 2017, jeweils Sonntag, um 14.00 Uhr
«Niemand legt sich mit ihr an …» (Mary Beth Edelson) – eine Führung über Provokation jenseits von Nacktheit und der Überschreitung von Schamgrenzen. Mit Esther Surányi.

Künstlerinnengespräche:
Dienstag, 16. Mai 2017, 17.30 Uhr
Mit Renate Bertlmann, Karin Mack und den Kuratorinnen Gabriele Schor und Eva Badura-Triska. Moderiert von Ivan Jurica.

Dienstag, 23. Mai 2017, 17.30 Uhr
Mit Linda Christanell, Brigitte Lang, Margot Pilz und Kuratorin Gabriele Schor. Moderiert von Esther Surányi.

Donnerstag, 1. Juni 2017, 19.00 Uhr
Mit Nil Yalter und Kuratorin Gabriele Schor (auf Englisch). Moderiert von Stefanie Gersch.

Kuratorin: Gabriele Schor (Direktorin, SAMMLUNG VERBUND) mit Eva BaduraTriska (Kuratorin mumok)

Beteiligte Künstlerinnen:
Helena Almeida (* 1934), Eleanor Antin (* 1935), Anneke Barger (* 1939), Lynda Benglis (*1941), Judith Bernstein (* 1942), Renate Bertlmann (*1943), Teresa Burga (* 1935), Marcella Campagnano (* 1941), Judy Chicago (* 1939), Linda Christanell (* 1939), Lili Dujourie (* 1941), Mary Beth Edelson (* 1933), Renate Eisenegger (* 1949), VALIE EXPORT (* 1940), Esther Ferrer (* 1937), Lynn Hershman Leeson (* 1941), Alexis Hunter (1948–2014), Sanja Iveković (* 1949), Birgit Jürgenssen (1949–2003), Kirsten Justesen (* 1943), Ketty La Rocca (1938– 1976), Leslie Labowitz (* 1946), Katalin Ladik (* 1942), Brigitte Lang (* 1953), Suzanne Lacy (* 1945), Suzy Lake (* 1947), Karin Mack (* 1940), Ana Mendieta (1948–1985), Rita Myers (* 1947), Lorraine O’Grady (* 1934), ORLAN (* 1944), Gina Pane (1939–1990), Letítia Parente (1930–1991), Ewa Partum (* 1945), Friederike Pezold (* 1945), Margot Pilz (* 1936), Ulrike Rosenbach (* 1943), Martha Rosler (* 1943), Suzanne Santoro (* 1946), Carolee Schneemann (* 1939), Lydia Schouten (* 1955), Cindy Sherman (* 1954), Penny Slinger (*1947), Annegret Soltau (* 1946), Hannah Wilke (* 1940–1993), Martha Wilson (* 1947), Francesca Woodman (1958–1981), Nil Yalter (* 1938)

(Beitragsbild: Ulrike Rosenbach Art is a criminal action No 4, 1969 SW-Fotografie auf Barytpapier bw photography on barit paper © Ulrike Rosenbach Bildrecht, Wien, 2016 SAMMLUNG VERBUND, Wien)

 

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